Praxisleitfäden

Zuletzt geprüft 26. August 2026

Experten-Tipps und Tricks zum Auswuchten

KurzfassungDas Probegewicht wird mit 0,5–2 % der Rotormasse angesetzt und zählt nur, wenn es die Schwingung um mindestens 20 % oder die Phase um mindestens 30° ändert. Der Nullpunkt ist die Stelle des Probegewichts, nicht die Reflexmarke des Tachometers, dann 90°, 180° und 270° in Drehrichtung.

Wann dies zutrifft

  • Vorläufige Beurteilung des Maschinenzustands
  • Schnelle Wahl einer Probemassen-Größe
  • Winkelzähl-Fehler am Rotor vermeiden
  • Dokumentation für einen Auswuchtauftrag erstellen

Wann es nicht zutrifft

  • Gehör- und Tastprüfungen ersetzen nicht die Messung
  • Eine schnelle Schätzung ersetzt nicht den Prüflauf — das Probegewicht muss die Amplitude um mindestens 20 % ändern (oder die Phase um mindestens 30°).
  • Nur eine vorläufige, grobe Beurteilung

Theorie und Normen sind das Fundament, aber wirkliche Effektivität entsteht durch Erfahrung. In diesem Artikel haben wir kurze, aber sehr wertvolle Praxistipps zusammengestellt, die Sie in den Lehrbüchern kaum finden werden. Diese „Kniffe" helfen Ihnen, schneller, genauer zu arbeiten und peinliche Fehler zu vermeiden.

Tipp 1: Diagnose „nach Gehör und Gefühl" (Vordiagnose)

Moderne Instrumente sind für eine präzise Diagnose unentbehrlich, aber manchmal kann eine erste Einschätzung mit den altbewährten Methoden erfolgen. Das ersetzt keine Messung, hilft aber, das Problem schnell einzugrenzen.

Wichtig: Diese Methoden sind nur für eine vorläufige, grobe Einschätzung geeignet! Sie ersetzen keine präzisen Messungen mit einem Schwingungsmessgerät, helfen aber, sich schnell zu orientieren.

Lagerprüfung mit einem Schraubenzieher

Nehmen Sie einen langen Schraubenzieher oder Metallstab. Setzen Sie bei laufender Maschine die Spitze vorsichtig an das Lagergehäuse und den Griff ans Ohr. Metall leitet Schall sehr gut, und Sie können den Innenzustand des Lagers hören.

  • Gesundes Lager: Ein gleichmäßiges, monotones, leises Brummen.
  • Defektes Lager: Sie hören ungewöhnliche Geräusche – Rauschen, Schleifen, periodisches Klicken oder „Knirsch"-Laute. Das weist auf Beschädigungen der Laufflächen oder Wälzkörper hin.

Prüfung auf Spiel und Lockerheit

Bei stehender Maschine versuchen Sie, die Bauteile physisch zu rütteln und zu bewegen. Das hilft, mechanische Lockerheit aufzudecken, die sich im Spektrum als „Wald" von Harmonischen zeigt.

  • Rotorwelle rütteln: Greifen Sie die Welle oder das Laufrad und bewegen Sie es kräftig in radialer und axialer Richtung. Es darf kein Klopfen oder merkliches Spiel vorhanden sein. Klopfen weist auf kritischen Lagerverschleiß hin.
  • Befestigungen prüfen: Versuchen Sie, das Motorgehäuse, die Lagerträger und den Rahmen zu rütteln. Nichts sollte „nachgeben" oder sich verschieben. Wenn es eine Bewegung gibt, suchen Sie nach losen Fundamentschrauben oder Rissen im Rahmen.

Tipp 2: Schnelle Wahl der Probegewichtsmasse

Die Wahl der richtigen Probegewichtsmasse ist der Schlüssel zum erfolgreichen Auswuchten. Ein zu leichtes Gewicht erzeugt keine merkliche Schwingungsänderung und die Berechnung wird ungenau. Ein zu schweres Gewicht kann gefährliche Schwingungen verursachen.

Die goldene Regel: Das Probegewicht muss eine Schwingungsänderung von mindestens 20 % oder eine Phasenänderung von mindestens 30° bewirken.

Schnelle Schätzung: 0,5–2 % der Rotormasse

Als Faustregel gilt: Das Probegewicht beträgt 0,5–2 % der Rotormasse. Richtwerte aus der Praxis:

Tabelle: Schnelle Schätzung: 0,5–2 % der Rotormasse
Maschine / Rotor Typisches Probegewicht
Mähwerk 200–400 g
Mulcher 400–500 g
Forstmulcher oder Großbrecher 500–700 g
Schwere Trommel 800–1000 g
Brecher mit einem Rotor von ca. 1,7 t ca. 1 kg
Kleine Turbine oder Spindel 3–50 g

Das sind Richtwerte, keine festen Regeln – entscheidend ist das oben genannte Ansprechkriterium: Das Probegewicht muss die Schwingung oder Phase ausreichend verändern, damit sich das zuverlässig messen lässt. Die Balanset-Software verfügt zudem über ein Fenster, das das erste Probegewicht anhand der Messwerte des ersten Laufs schätzt.

Tipp 3: Rotor immer markieren!

Dies ist der einfachste, aber wichtigste Ratschlag. Er spart viel Zeit und verhindert 90 % der winkelbezogenen Fehler.

  1. Drehrichtungspfeil: Markieren Sie vor Arbeitsbeginn an einem sichtbaren Teil des Rotors (oder der Welle) einen deutlichen Pfeil mit der Drehrichtung.
  2. Winkelmarkierungen: Der Nullpunkt ist die Stelle, an der das Probegewicht dieser Ebene saß — nicht die reflektierende Markierung! Die dient nur dem Tachometer, für Drehzahl und Phase. Markieren Sie von diesem Nullpunkt aus mit einem Geodreieck – oder auch mit einem gefalteten Blatt Papier – 90°, 180° und 270° mit einem Markierstift IN Drehrichtung. Jede Ausgleichsebene hat ihren eigenen Nullpunkt – markieren Sie die Stelle des Probegewichts deshalb dauerhaft, Sie brauchen sie auch bei jedem weiteren Prüflauf.

Was das bringt:

  • Sie werden sich nie verwirren, in welche Richtung der Winkel beim Anbringen des Ausgleichsgewichts gezählt wird.
  • Sie können den erforderlichen Winkel schnell und einfach ohne Wiederholungsmessungen finden.

Tipp 4: Alles fotografieren

Verwandeln Sie den Auswuchtauftrag in einen Fotobericht. Das schafft Disziplin, hilft bei der Analyse und dient als hervorragende Dokumentation für die Zukunft.

Was zu fotografieren ist:

  • Eine Gesamtansicht der Anlage vor Arbeitsbeginn.
  • Die Montagepositionen der Schwingungssensoren und des Tachometers.
  • Der Rotor mit den angebrachten Markierungen und der Phasenmarke.
  • Das in Ebene 1 angebrachte Probegewicht, mit klar sichtbarem Winkel.
  • Das endgültige Ausgleichsgewicht mit klar sichtbarer Befestigung (Schweißnaht, Schrauben).
  • Screenshots der Balanset-Software mit den Messwerten „VOR" und „NACH".

Diese Fotos können dem Auswuchtbericht beigefügt, zur Schulung von Kollegen verwendet oder zur Analyse herangezogen werden, wenn etwas nicht nach Plan verlaufen ist.

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Schnell-Checkliste

  • Lager über einen ans Ohr gehaltenen Schraubendreher abhören
  • Angehaltene Bauteile schütteln, um Spiel und Loserheit zu finden
  • Probemasse als 0,5–2 % der Rotormasse schätzen
  • Drehrichtungspfeil auf dem Rotor markieren
  • 0 (die Stelle des Probegewichts), 90, 180, 270 Grad in Drehrichtung markieren
  • Aufbau, Massen und Vor-/Nach-Messwerte fotografieren
Nächster SchrittSchrittweise Anleitung zur Balanset-1A-Auswuchtmethode befolgen.