Zuletzt geprüft 30. Mai 2026
Experten-Tipps und Tricks zum Auswuchten
Theorie und Normen sind das Fundament, aber wirkliche Effektivität entsteht durch Erfahrung. In diesem Artikel haben wir kurze, aber sehr wertvolle Praxistipps zusammengestellt, die Sie in den Lehrbüchern kaum finden werden. Diese „Kniffe" helfen Ihnen, schneller, genauer zu arbeiten und peinliche Fehler zu vermeiden.
Tipp 1: Diagnose „nach Gehör und Gefühl" (Vordiagnose)
Moderne Instrumente sind für eine präzise Diagnose unentbehrlich, aber manchmal kann eine erste Einschätzung mit den altbewährten Methoden erfolgen. Das ersetzt keine Messung, hilft aber, das Problem schnell einzugrenzen.
Wichtig: Diese Methoden sind nur für eine vorläufige, grobe Einschätzung geeignet! Sie ersetzen keine präzisen Messungen mit einem Schwingungsmessgerät, helfen aber, sich schnell zu orientieren.
Lagerprüfung mit einem Schraubenzieher
Nehmen Sie einen langen Schraubenzieher oder Metallstab. Setzen Sie bei laufender Maschine die Spitze vorsichtig an das Lagergehäuse und den Griff ans Ohr. Metall leitet Schall sehr gut, und Sie können den Innenzustand des Lagers hören.
- Gesundes Lager: Ein gleichmäßiges, monotones, leises Brummen.
- Defektes Lager: Sie hören ungewöhnliche Geräusche – Rauschen, Schleifen, periodisches Klicken oder „Knirsch"-Laute. Das weist auf Beschädigungen der Laufflächen oder Wälzkörper hin.
Prüfung auf Spiel und Lockerheit
Bei stehender Maschine versuchen Sie, die Bauteile physisch zu rütteln und zu bewegen. Das hilft, mechanische Lockerheit aufzudecken, die sich im Spektrum als „Wald" von Harmonischen zeigt.
- Rotorwelle rütteln: Greifen Sie die Welle oder das Laufrad und bewegen Sie es kräftig in radialer und axialer Richtung. Es darf kein Klopfen oder merkliches Spiel vorhanden sein. Klopfen weist auf kritischen Lagerverschleiß hin.
- Befestigungen prüfen: Versuchen Sie, das Motorgehäuse, die Lagerträger und den Rahmen zu rütteln. Nichts sollte „nachgeben" oder sich verschieben. Wenn es eine Bewegung gibt, suchen Sie nach losen Fundamentschrauben oder Rissen im Rahmen.
Tipp 2: Schnelle Wahl der Probegewichtsmasse
Die Wahl der richtigen Probegewichtsmasse ist der Schlüssel zum erfolgreichen Auswuchten. Ein zu leichtes Gewicht erzeugt keine merkliche Schwingungsänderung und die Berechnung wird ungenau. Ein zu schweres Gewicht kann gefährliche Schwingungen verursachen.
Die goldene Regel: Das Probegewicht muss eine Schwingungsänderung von 20–30 % oder eine Phasenänderung von 20–30° bewirken.
Eine Formel für eine schnelle Schätzung:
Für Rotoren mit 1000–3000 U/min kann eine einfache Daumenregel verwendet werden:
Probegewichtsmasse (Gramm) ≈ (Rotormasse (kg) × 10) / (Drehzahl (Tausend U/min))²
Beispiel: Ein Ventilator-Rotor mit einer Masse von 50 kg läuft bei 1500 U/min (1,5 Tausend U/min).
Gewichtsmasse ≈ (50 × 10) / (1,5 × 1,5) = 500 / 2,25 ≈ 222 Gramm.
Sie können sicher mit einem Probegewicht von 200–250 Gramm beginnen.
Tipp 3: Rotor immer markieren!
Dies ist der einfachste, aber wichtigste Ratschlag. Er spart viel Zeit und verhindert 90 % der winkelbezogenen Fehler.
- Drehrichtungspfeil: Markieren Sie vor Arbeitsbeginn an einem sichtbaren Teil des Rotors (oder der Welle) einen deutlichen Pfeil mit der Drehrichtung.
- Winkelmarkierungen: Bringen Sie eine Phasenmarke (für den Tachometer) an und behandeln Sie diese als 0°. Markieren Sie mit einem Geodreieck – oder auch mit einem gefalteten Blatt Papier – 90°, 180° und 270° mit einem Markierstift IN Drehrichtung.
Was das bringt:
- Sie werden sich nie verwirren, in welche Richtung der Winkel beim Anbringen des Ausgleichsgewichts gezählt wird.
- Sie können den erforderlichen Winkel schnell und einfach ohne Wiederholungsmessungen finden.
Tipp 4: Alles fotografieren
Verwandeln Sie den Auswuchtauftrag in einen Fotobericht. Das schafft Disziplin, hilft bei der Analyse und dient als hervorragende Dokumentation für die Zukunft.
Was zu fotografieren ist:
- Eine Gesamtansicht der Anlage vor Arbeitsbeginn.
- Die Montagepositionen der Schwingungssensoren und des Tachometers.
- Der Rotor mit den angebrachten Markierungen und der Phasenmarke.
- Das in Ebene 1 angebrachte Probegewicht, mit klar sichtbarem Winkel.
- Das endgültige Ausgleichsgewicht mit klar sichtbarer Befestigung (Schweißnaht, Schrauben).
- Screenshots der Balanset-Software mit den Messwerten „VOR" und „NACH".
Diese Fotos können dem Auswuchtbericht beigefügt, zur Schulung von Kollegen verwendet oder zur Analyse herangezogen werden, wenn etwas nicht nach Plan verlaufen ist.
Auswuchten und Schwingungsdiagnose
Geräte für Eigenregie und Fachdienstleistungen
Das Balanset-1A Gerät
Ein tragbares Gerät für Vor-Ort-Auswuchten und Schwingungsdiagnose
Gerät kaufenSchnell-Checkliste
- Lager ueber einen ans Ohr gehaltenen Schraubendreher abhoeren
- Angehaltene Bauteile schuetteln, um Spiel und Loserheit zu finden
- Probemasse aus Rotormasse und Drehzahl schaetzen
- Drehrichtungspfeil auf dem Rotor markieren
- 0, 90, 180, 270 Grad in Drehrichtung markieren
- Aufbau, Massen und Vor-/Nach-Messwerte fotografieren